Körperspende

Für die Medizinstudenten beginnt die Auseinandersetzung mit dem toten Menschen in der Anatomie bereits vor Beginn des Studiums, nämlich in der von den Kommilitonen organisierten Vorwoche. Im Rahmen dieser Einführung in das Studium informieren wir über die Körperspende und den Umgang mit dem toten Körper, beantworten Fragen und zeigen im Leichenbereich und im Präpariersaal fixierende und präparierte Leichname. Das Wissen und die Anschauung nimmt die Angst vor dem noch Unbekannten, erleichtert weitere Fragen und Gespräche über den Tod, zwingt aber auch zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben. Sechs Wochen später werden dieselben Studenten mit den Präparationen an „ihrem“ Leichnam beginnen.

Menschen aus vielen Orten der südlichen Hälfte des Landes Schleswig-Holstein, aus vielen sozialen Schichten und mit unterschiedlichsten Motiven schenken unserem Institut ihren toten Körper, damit wir den angehenden Ärzten die Teile des Körpers und ihre räumliche Anordnung bei der gemeinsamen Präparation vermitteln können. Vor allem in den Körperhöhlen von Rumpf und Kopf erschließen sich die topografischen Verhältnisse und ihre Variationsmöglichkeiten nur am Original, dem menschlichen Körper. Nicht allein Studenten der Medizin, sondern auch angehende Physiotherapeuten lernen intensiv an den präparierten Leichen, und fertige Ärzte besuchen zur Weiterbildung Operationskurse, die ohne Körperspender undenkbar sind. Auch angehende Krankenschwestern und Krankenpfleger, Medizintechniker, Medizininformatiker oder Mediziningenieure sowie Hörgeräteakustiker werden im Rahmen ihrer anatomischen Ausbildung in den Präpariersaal geführt, um einen Eindruck von anatomischen Verhältnissen zu gewinnen, die aus Lehrbüchern und Modellen kaum verständlich werden.

 

Die ersten Erklärungen zur Körperspende erhielten wir lange bevor uns mit dem Umzug in eines der vorklinischen Institutsgebäude im März 1983 ein Bereich zur Fixierung und Aufbewahrung von Leichnamen zur Verfügung stand. Verstarb ein Körperspender, wurde sein Leichnam damals in die Anatomie in Kiel überführt. Im Gegenzug erhielten wir von den Kieler Kollegen zum Umzug die Erklärungen zur Körperspende von insgesamt rund 300 Personen aus dem südlichen Schleswig-Holstein sowie für die ersten beiden Präparierkurse im Herbst 1984 und 1985 insgesamt 15 bereits fixierte Leichname. Danach waren wir nicht mehr auf Hilfen angewiesen, denn nach einem Zeitungsartikel zur Einweihung der Vorklinik mit dem Hinweis, dass Körperspenden nun auch in Lübeck möglich seien, ist die Zahl der Körperspender auf knapp 100 pro Jahr angestiegen. Durch Mundpropaganda hielt sich dieser Wert bis zur Mitte der 90-er Jahre. Die Reduzierung des Sterbegeldes der Krankenkassen ließ die Anzahl der Körperspenden auf bis zu 300 im Jahre 2000 anschwellen. Die völlige Streichung des Sterbegeldes im Jahr 2004 erforderte deshalb Überlegungen zur Finanzierung der Bestattungskosten der Körperspender, die bis dahin weitgehend aus dem Sterbegeld beglichen wurden. Eine Umfrage unter potentiellen Körperspendern ergab, dass 93 % von ihnen mit der Körperspende sichere Vorsorge für ihren Tod treffen wollen, 60 % wären sogar bereit, dafür 1500 € zu bezahlen, und 23 % würden auf eine Körperspende verzichten, wenn sie dafür bezahlen müssten. Seit Ende 2003 ist eine Kostenbeteiligung für Körperspender obligatorisch, die Höhe entspricht mit 1050 € dem ursprünglichen Sterbegeld der Krankenkassen. Die Anzahl der Körperspender, die in jedem Jahr ihre Erklärung unterschreiben, ist seitdem mit gut 100 relativ konstant. In den Akten des Instituts befinden sich derzeit 1700 Verträge, die vor, und 1030, die nach 2003 unterschrieben wurden.

Nach Abschluss der Untersuchungen werden die Körperspender eingeäschert und auf dem Grabfeld der Universität beigesetzt. Dieses befand sich ursprünglich auf dem Vorwerker Friedhof in Lübeck. Hier hatten wir einen Findling aufstellen lassen, der bei den Ausschachtungsarbeiten für das Institutsgebäude gefunden worden war. Auf ihm prangt die Inschrift: „Den Helfern der ärztlichen Wissenschaft“ (Abbildung 30). Insgesamt 580 Urnen sind im Umfeld des Steines auf diesem Grabfeld beigesetzt. Im Jahre 1999 beschloss die Lübecker Bürgerschaft eine Erhöhung der Bestattungsgebühren um mehr als 80 %. Ein Jahr lang versuchten wir, mit unterschiedlichen Argumenten für die Körperspender günstigere Konditionen auszuhandeln, scheiterten aber jedes Mal, wobei das Friedhofsamt immer wieder darauf verwies, dass kein Präzedenzfall geschaffen werden soll. Inzwischen dürfen in diesem Teil des Vorwerker Friedhofs keine Beisetzungen mehr durchgeführt werden, denn er wird in 30 Jahren umgewidmet sein.

Auf dem Friedhof der St. Willehad-Kirche in Groß Grönau steht uns seit dem Jahr 2000 ein ausreichend großes Areal zur Verfügung, auf dem die Urnen der Körperspender bestattet werden. Ende 2012 lagen hier bereits 1200 Urnen unter dem Rasen. Zunächst beherrschte ein großes Holzkreuz das Grabfeld (Abbildung 31). Seit dem 8. Juni 2006 steht dort ein Gedenkstein aus mehreren Elementen, der in seinem Mittelteil die Inschrift trägt (Abbildung 32):

 


„SIE HALFEN IM TOD DEN LEBENDEN – WIR DANKEN UND GEDENKEN"

 


 

Bei den Überlegungen zur Gestaltung des Gedenksteins versuchte ich, Bilder oder Formen zu finden für ganz unterschiedliche Aussagen, die mit der Körperspende in Verbindung stehen. Die Stelen zu beiden Seiten symbolisieren Individuen, die aus unterschiedlichen Richtungen einer gemeinsamen Idee zuwachsen. Menschen aus vielen Orten und aus allen sozialen Schichten, die aus unterschiedlichsten Gründen noch zu Lebzeiten festlegten, dass ihr Körper nach dem Tod für wissenschaftliche Untersuchungen und zur Ausbildung angehender Ärzte zur Verfügung steht. Die nach vorn gerichteten Stelen wirken wie ausgebreitete Arme, die signalisieren, dass jeder Mensch an diesem Ort willkommen ist, nicht nur als Körperspender, sondern auch als Angehöriger, Freund und Gast. Der Hauptteil des Gedenksteins ist dem Querschnitt durch einen menschlichen Keimling nachempfunden. Die runde Öffnung in der Mitte entspricht der Anlage des Nervensystems, aus dem sich das Gehirn entwickelt. Sie symbolisiert die Keimzelle für die gemeinsame Idee und den freien Willen für eine ungewöhnliche Entscheidung. Gemeinsam mit der Trennung zwischen den beiden symmetrischen Hälften bildet diese Öffnung die Kontur eines stilisierten Strahlenkreuzes, genau an der Stelle, an der sich vorher das Holzkreuz befand. Zu einem Entwurf dieses Gedenksteins hörte ich den Kommentar: „Das sieht ja aus wie ein Gartentor!" Dieser Vergleich war zwar etwas abwertend gemeint, traf aber durchaus eine gewollte Interpretation: Für mich ist dieser Stein auch das Tor zu einem Licht, das in Form des Kreuzes für uns im Diesseits erkennbar wird.

Auf diesem Grabfeld endet in jedem Jahr mindestens ein Gottesdienst zum Gedenken an die Körperspender, die in den vergangenen 12 Monaten hier oder im Familiengrab beigesetzt wurden. Der Gedenkgottesdienst, zu dem die Angehörigen der Körperspender eingeladen werden, wird in der St. Willehad-Kirche von den beiden Studentenpfarrern abgehalten (Abbildung 33). Die Studenten verlesen die Namen, entzünden bei der Nennung des Namens eine Kerze und legen später für jeden Körperspender eine Rose auf das Grabfeld. Spätestens in dieser Feier spüren die Angehörigen, was für ein kostbares Geschenk ihr Verstorbener uns bereitet hat.

 

Bereits in der Vorwoche weisen wir die Erstsemester auf die Gedenkfeier hin, die am Ende des vorklinischen Studiums die Möglichkeit bietet, den Körperspendern zu danken. Da Worte, auch Dankesworte, missverständlich sein können, fordern wir die Studenten auf, den Gedenkgottesdienst musikalisch auszugestalten. Vom begleiteten Solo bis zum großen Chor oder bis zum Kammerorchester spielen die Studenten in jedem Jahr aufs Neue unterschiedlichste Musikstücke, die von den Angehörigen der Körperspender dankbar aufgenommen werden, wie viele positive Reaktionen zeigen. Die Möglichkeit, während der Musik eigenen Gedanken nachzugehen, verhilft dazu, aus der Gedenkfeier für viele Menschen innerlich eine ganz individuelle Trauerfeier zu formen.

 

Sowohl die Einführung in der Vorwoche als auch die Gedenkfeier sind Veranstaltungen für Studenten, die in keinem Curriculum aufgeführt und dennoch unendlich wichtig sind. Sie umschließen, einer Klammer vergleichbar, die systematische anatomische Ausbildung, in der das Lernen am Präparat im Vordergrund steht. In der Klammer dagegen wird Menschliches deutlich. Da ist zunächst die Person, die den Entschluss zur Körperspende schriftlich fixiert. Nach dem Tod verblasst ihre Individualität durch Fixierung und Präparation immer mehr. Erst in der Gedenkfeier gewinnt das inzwischen eingeäscherte und als Urne beigesetzte Präparat mit der Nennung des Namens wieder seine ursprüngliche menschliche Identität. Diese Rückverwandlung hilft, die Handlungen im Präpariersaal, die außerhalb der Mauern des Instituts für Anatomie zumindest als Störung der Totenruhe verfolgt würden, mit gutem Gewissen als großen persönlichen Gewinn zu empfinden, und sie hilft, während der Gedenkfeier in Anwesenheit der Angehörigen tief empfundenen Dank auszudrücken.

                

                                                                                                                   Autor: Dr. med. Reinhard Eggers

 



 

 

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